Tote Tauben zucken noch
Themensommerloch “Tauben”: Heute beschreibt @wurstegal (einst hieß sie @inez737) ihre einschlägigen Erfahrungen mit dem Federvieh. Lesen Sie selbst, was tote Tauben mit dem Erwachsenwerden zu tun haben.
Im Alter von neun Jahren war ich ja schon fast zehn und damit praktisch so gut wie erwachsen. Diese Erkenntnis wollte umgehend meinem Großvater mitgeteilt werden, der seinerseits erkannte, dass die fast erwachsene Enkelin nun endlich mal etwas von Bedeutung erleben müsse. Wenn Bedeutsamkeit gefragt ist, geben alle Großväter der Welt Antworten. Meiner auch.
Mein Großvater war einer dieser Männer, die am liebsten nur Söhne und Enkel bekommen hätten, weil man ja mit Mädchen so schrecklich wenig anfangen kann. Außerdem, und der Grund wog wahrscheinlich noch schwerer, müsste ja irgendjemand die ganzen Waffen, Geweihe, Hörner und ausgestopften Waldtiere erben. Mein Großvater war Jäger. Aber dadurch, dass ich meiner Großmutter immer in der Küche half und zeitgleich den Spagat schaffte, ihn beim Bau des Gartenhauses zu unterstützen, war ich bei weitem die männlichste aller Enkelinnen, ein Quasi-Enkel.
Eines nachts war meine Zeit gekommen. Um drei Uhr in der Früh weckte er mich, mit bedeutungsschwerer Miene. Wir brachten das Runterwürgen von Omas Hasenbroten hinter uns, die nach in Brotform gepresstem Wüstensand schmeckten. Hasenbrote sind mit einem Hauch Teewurst bestrichene Klappstullen, die zu einem schnellen Erstickungstod führen können, nimmt man nicht ausreichend Flüssigkeit dazu auf. Wir spülten Omas Hasenbrote mit lauwarmem Hagebuttentee herunter und überlebten knapp. Dann ging es los. Wir fuhren eine Stunde lang durch den anbrechenden Tag meinem ersten großen Abenteuer entgegen. Als wir am Erbsenfeld ankamen, warteten fünf Mitjäger auf uns. Dass mein Erwachsenen-Erlebnis nun etwas war, das mit frühem Aufstehen UND Omas Hasenbroten UND Jagd zu tun hatte, damit hatte ich irgendwie weniger gerechnet. Aber ich war damals nicht sonderlich wählerisch.
Es war noch ziemlich dunkel, als wir Zäune vor einem Busch aufstellten und mit einem Tarnnetz bespannten. Das war unsere Deckung, die wichtig war; denn Wildtauben sind scheu und fliegen kein Ziel an, in dessen Nähe sechs Jäger, ein Hund und ein in allernächster Bälde erwachsenes Mädchen stehen. Beim Aufstellen des Zaunes stellte ich mich wohl ziemlich dämlich an und wurde deswegen damit beauftragt, die Flinten aus den Autos zu holen und zu den Schützen zu bringen. Man waidmannsheilte und waidmannsdankte sich - ein Gruß den ich schon oft gehört hatte und endlich mal mitreden konnte. „Waidmannsheil“, sagte ich zu den Jägern und fand, dass ich schon ganz dazugehörte. Zu den Jägern, oder wenigstens zu den Erwachsenen. Die Jagd begann. Das heißt: Zunächst warteten wir. Und warteten. Danach warteten wir dann etwas. Und warteten. Übers Warten schlief ich ein. Ich wachte von Gewehrschüssen auf und erhielt noch im Aufwachen den Befehl, Patronen nachzureichen und mich um Großvaters Liebling zu kümmern, die latent inkontinente Hündin.
Ilka war der wohl am wenigsten zur Jagd geeignete Jagdhund aller Zeiten, ein dämlicher Münsterländer, der bei jedem Schuss jaulte und sich hinter mir versteckte. Ilka hatte viel zu viel Angst, ins Feld zu rennen und die von Schüssen durchsiebten Wildtauben zu apportieren, wie es eigentlich von ihr erwartet wurde. Als die Sonne aufging, ahnte ich, was Erwachsenwerden bedeutet: in Deckung gehen, Warten und auf Befehl das tun, was man auf keinen Fall tun will. Und zu wissen, dass Tauben auch dann noch zucken, wenn sie lange tot sind.