Jour Fitz

Der Taubenvergraemer lässt antanzen

Von einer, die auszog, das Lesen zu lernen

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Am 13.8. wird sie zum ersten Mal vor einem Publikum lesen: die so seltsame wie bezaubernde @judetta. Aufgeregt ist sie natürlich schon heute. Lesen Sie selbst:

Ich bin ja selbst schuld. Ich habe es doch nicht anders gewollt. Es musste wohl so kommen.

Wobei, eigentlich wäre mir diese Idee alleine nicht einmal im Traum eingefallen und wenn ich mich ein bisschen bemühe, könnte ich die Schuld sicher auch meinen Eltern oder den Lehrern zuschieben. Hätten die mich nämlich besser (oder anders) erzogen, hätte ich heute kein Problem damit, nein zu sagen. Ich würde einfach jegliche Bitten abschmettern und fröhlich, aber einsam vor mich hin darben. Aber nein, dem ist nicht so, ich kann es einfach nicht, dieses „nein sagen“. Schlimmer noch, sobald jemand eine Frage stellt oder um Hilfe bittet, schlägt meine bisher sorgsam verheimlichte Hilfsbereitschaft Alarm, mein Arm schnellt von ganz allein in die Höhe, meine Hand schnipst, ich springe stuhlumwerfend auf und noch ehe ich begreife, was ich da schon wieder tue, höre ich mich sagen: „Hier, ich mach das. Klar, kein Problem, gerne.“ Auf diese Art und Weise bin ich schon zu den aufregendsten Abenteuern gekommen: Nachbars Katze hüten, Gärten umgraben, nächtliche Abholfahrten betrunkener Mitmenschen am Freitagabend, wenn ausnahmslos alle anderen Freunde auf der Party des Jahrhunderts sind, Kassentätigkeiten an Abenden, an denen man gerade erst aus dem Urlaub gekommen und zudem noch erkältet und verkopfschmerzt ist oder eben, wie jetzt, eine Lesung auf einer ganz echten Bühne vor ganz echten Menschen in Kiel.

Dummerweise gehöre ich auch zu den Menschen, die halten, was sie versprechen. Also werde ich mir keine fadenscheinigen Ausreden einfallen lassen, sondern, und das, obwohl ich wirklich so ziemlich jeden mir bekannten Hund gefragt habe, ob er nicht doch meine Texte essen möchte, in Kiel auf einer Bühne stehen und versuchen, die Menschen mit meiner Anwesenheit zu amüsieren – ob sie dann wegen mir oder über mich lachen, sei erstmal dahingestellt.

Grund dazu wird es vermutlich genug geben – ich kenn mich ja. Zum Beispiel wäre da meine ausgeprägte Fähigkeit, mich kurz vor jeglicher zwischenmenschlicher Begegnung zu bekleckern – nicht mit Ruhm, sondern bevorzugt mit heißen Getränken, die nicht nur hübsche Flecken, sondern auch Brandwunden verursachen oder mit besonders farbenfrohen Lebensmitteln, die sich gut von meiner Kleidung abheben.

Aber nehmen wir mal an, ich verschone mich auf wundersame Weise, etwa durch Nahrungsaufnahmeverweigerung, davon und schaffe es tatsächlich, fleckenlos die Bühne zu betreten. Spätestens beim zweiten Schritt wird sich mein linker Fuß im Mikrokabel verheddern, was mich zum Stolpern bringt. Halt suchend greife ich nach allem, was sich anbietet – als erstes nach der Bierflasche, die da neben dem Laptop steht. Genaugenommen stand, denn sie hält mich natürlich nicht, sondern kippt um und ergießt sich über die Tastatur des Laptops, der auf dem kleinen Tischchen in der Mitte der Bühne steht. Mein Auffangversuch scheitert natürlich kläglich, denn so sehr ich mich auch bemühe, das Tischchen zu erreichen – ich komm nicht ran. Weil nämlich mein Fuß immer noch im Kabel hängt, welches leider nicht lang genug ist, mich den Tisch erreichen zu lassen, aber meinem Gezerre auch nur bedingt standhält und letztendlich nachgibt. Und ich, nicht vorbereitet auf das plötzliche Nachgeben, falle. Und zwar samt jeglicher Technik, die sich entweder, durch ein Kabel verbunden, bereits an meinem Fuß befindet oder um mich herum aufgestellt war.

Sollte ich diesen Selbstanschlag (inklusive aus Wänden gerissenen Stromkabeln auf biergetränktem Boden) überraschend doch ohne Kurzschluss und Stromschlag überlebt haben, finde ich sicherlich noch eine weitere Möglichkeit, mich bis auf die Knochen zu blamieren. Den Text vergessen? Höchstens die Ausdrucke, aber weil ich sowas ja im Vorfeld befürchtet hatte, habe ich vorsorglich alle Texte per Mail nochmal an mich selbst geschickt und könnte sie in diesem Fall auch vom Bildschirm ablesen, wenn ich nicht durch meine versehentliche Enttechnisierung der Bühne jegliche Möglichkeit auf Internetzugang zerstört habe. Viel wahrscheinlicher ist, dass mein Lese- und Sprachzentrum vor lauter Aufregung einfach komplett blockieren und ich kein einziges Wort über meine Lippen bringe. Da steh ich nun, hochroten Kopfes, und abgesehen davon, dass sich mein Mund öffnet und schließt wie bei einem gejagten Karpfen und meine Augen rollen, als würden sie jedem Schnellschleudergang der Waschmaschine den Rang ablaufen wollen, passiert … nichts.

Aber keine Sorge, wenn dem wirklich so ist, werde ich zusehen, dass ich mich schnellstmöglich und ohne weitere Vorkommnisse von der Bühne entferne, sobald ich mit meinem Körper alle faulen Eier und überreifen Tomaten abgefangen habe, die nach mir geworfen werden.
Also: Packt eure Freunde ein, genügend Tomaten, Eier und Schuhe mit Gummisohlen, welche vor Stromschlägen schützen, und kommt alle, das wird ein Spaß!

Übrigens: wenn dies so eintritt und wirklich gar nichts mehr geht, werde ich während der Lebensmittelwurfminuten eine Squaredance Performance zum Besten geben, die ich extra für diesen Fall und dank Youtube noch schnell einstudiert habe.

Mehr über die Veranstaltung in Kiel: Auf Facebook.

Der nächste Jour Fitz in Berlin: am 20.8. im 4010 in Mitte.

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Written by juf

Juli 24th, 2010 at 2:50 pm

Posted in Allgemein

6 Responses to 'Von einer, die auszog, das Lesen zu lernen'

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  1. Klingt alles lustig und wird sicher ein riesiger Spaß. Schade das ich nicht in Kiel sein kann.

    CH64

    24 Jul 10 at 20:54

  2. Lustig. Na mal schauen ob ich das schaffe ;)

    Ramón

    26 Jul 10 at 12:29

  3. Oh, es wird sehr lustig. Allein die zitternde und bibbernde Judetta auszulachen, wird ein großer Spaß

    juf

    27 Jul 10 at 08:42

  4. AHH!
    Endlich zahlt es sich aus, dass ich in den vergangen Monaten die ganzen Schlüpper gesammelt habe.
    Am 13. wird zurückgeworfen!

    elbpoet

    29 Jul 10 at 12:04

  5. @elbpoet: Zurückgeworfen?!?

    fhun

    10 Aug 10 at 20:09

  6. ja, lieber fhun, mit den schlüppern ist es wie mit einem wanderpokal, der einzige unterschied besteht darin, das man die schlüpper waschen muss, bevor man sie weitergibt.

    elbpoet

    12 Aug 10 at 13:37

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